Schafabtrieb vom Öldufell bis fast zu Heida (inklusive Buchtipp!)

Schafe und Lämmer soweit das Auge sieht, kurz vor Myradalssandur, F232 Öldufellsleid. 11.09.2018

Sie sind schon früh am Morgen mit Quadbikes und Jeeps in der Lava und im Sand am Fuss des Myrdalsjökull und des Berges Öldufell unterwegs. Die Lichter und Leuchtwesten sind in der in der schwarzen Landschaft von Weitem auszumachen. Ab und zu entdeckt man auch die weissen Schafe, die vorwärts getrieben werden.
Mit Quadbikes werden in der Lava am Fuss des Myrdalsjökull die Schafe zusammengetrieben. 10.09.2018

Während wir auf unserer Hochlandtour von der F210, Fjallabak Sydri am selben Tag die Alftavatnsleid F233 zu Eldgja und danach die F235 bis Langisjor fahren, versuchen die Farmer möglichst alle Schafe Lämmer zu finden, welche seit ungefähr Mitte Juni alleine unterwegs sind. Die grösseren Flüsse helfen das Gebiet einzugrenzen, denn diese können die Schafe nicht überqueren. Oft fragt man sich, was die Schafe bis in die kargen Hochlandgebiete treibt, gäbe es doch saftigere Plätze. Die Farmer haben drei Tage Zeit, die Schafe entlang der Öldufellsleid zum Myrdalssandur und bis Alftahver herunterzutreiben. Wir wählen die F232 am nächsten Tag und sind begeistert, sie ist abenteuerlich, spannend und führt durch eine fantastische Landschaft. Wichtig ist, dass man das Fahrzeug beherrscht und dieses sollte ein sehr guter 4×4 sein. Diverse Flüsse und Bäche sind zu durchqueren, nicht alle sind einfach.

Steinige Furt an der Öldufellsleid F232. 11.09.2018

Zu Beginn der Strecke befindet man sich in der schwarzen Sand- und Lavalandschaft und sehr nahe am Myrdalsjökull Gletscher. Nach und nach wird es etwas grüner, von klarem Fluss- und trübem Gletscherwasser wurden eindrückliche Canyons geschaffen. Hier und dort stürzt sich ein Wasserfall über eine Gesteinsstufe. Installierte Seismografen erinnern daran, dass unter dem Gletscher, dem die Strecke entlang führt, der Vulkan Katla lauert.

Der Seismograf neben dem Myrdalsjökull überwacht den Vulkan Katla. 11.09.2018

Aber ist dort nicht noch ein Schaf oder Lamm am Berghang? Mit Feldstecher und Teleobjektiv vergewissern wir uns. Es bewegt den Kopf, macht aber keinen einzigen Schritt. Kein Wunder, denn es ist sehr steil und bald sehen wir auch, dass direkt unter ihm ein Gletscherfluss fliesst. Das Bild werden wir den Farmern zeigen, sobald wir sie sehen. Ob das Schaf vergessen ging oder in einer zu hoffnungslosen Lage befindet?

Der weisse Punkt im steilen Hang ist ein Schaf oder Lamm. 11.09.2018
Das Lamm ist in einer misslichen Lage. 11.09.2018

In der Ferne ist nun das Meer zu erkennen und die holprige Piste führt spürbar abwärts. Ein Hauch von Zivilisation findet man beim wunderschönen Wasserfall Holmsarfoss. Entlang einer kurzen, markierten Stichstrasse sind eine einfache Hütte und eine idyllisch gelegene Toilette zu finden, welche wohl die Elfen für mich zum richtigen Zeitpunkt bereit hielten. Ob dieser Wasserfall den Plänen für ein Wasserkraftwerk zum Opfer fallen würde (siehe Buchtipp weiter unten)? Immer noch ist man dem Gletscher nahe und man kann Eisabbruchstellen und als leuchtend weisse Linie einen Schmelzwasserbach erkennen.

Schmelzwasserbach auf dem Kötlujökull. 11.09.2018

Erst fast beim Myrdalssandur dreht die Strasse von der untersten Gletscherzunge weg. Auch der an der Leira-Brücke wartende Farmer ist beeindruckt, wie sehr sich das Eis Jahr für Jahr zurückzieht. Bald sehen wir Jeeps, Pferde, Quadbikes und Schafe und Lämmer soweit das Auge reicht. Einige sind noch am Treiben, andere machen eine Mittagsrast. Der heutige Weg bis Alftahver (östlich von Vik) dauert noch gute fünf Stunden, die Strecke entlang der Ringstrasse dürfte schwierig sein. Die Polizei wird die Ringstrasse für einen Weile sperren, wenn die vielen Schafe diese überqueren. Für die Schafssortierung im Rett werden mehr Leute zur Verfügung stehen und der jährliche Schafsabtrieb endet schlussendlich in einem Volksfest. Wir zeigen den Farmern das Bild des Schafes, welches wir oben am Berghang entdeckt hatten. Es sei gestern noch nicht dort gewesen und sie würden das Gebiet bei Öldufell oben nochmals absuchen.

Wir sprechen den Farmer auf Heida an, natürlich kennt er die Frau, über die ich gerade das Buch Heidas Traum von Steinunn Sigurdardottir (Wikipedia über die Autorin) lese. So befinde ich mich nach dieser Tour und während dem Lesen fast live im Buchgeschehen. Dem Schafsabtrieb ist im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet. Heida erzählt in Ich-Form, wie sie auf der Farm Ljotarstadir aufgewachsen ist, sich vom Leben als Model abwandte und den elterliche Schaffarm übernahm. Diese Aufgabe ist sehr arbeitsintensiv. Aber sie kämpft gleichzeitig gegen das Projekt des Bulands-Kraftwerks, welches ihre Weiden bedroht. Sie lässt sich in den Gemeinderat wählen und ist an der Stelle im Buch, wo sich mein Buchzeichen befindet, für die isländischen Parlamentswahlen angefragt worden. Ich bin sehr gespannt, wie es in diesem Buch und mit Heida weitergeht. Sie treibt wohl jetzt gerade die Schafe im angrenzenden Gebiet zusammen. Für mich ist es extrem spannend, wenn alles verflochten ist, die Tour durchs Hochland (weitere Bilder), der Schafabtrieb, das Buch und die Problematik um die geplanten Wasserkraftwerke. Danke Steinunn!

Das Buch „Heidas Traum“ von Steinunn Sigurdardottir im Schaufenster eines Buchladens. 08.08.2018

Wir hoffen, dass die fantastische Natur dieses Gebietes erhalten bleibt und wir sie noch oft bereisen können. Gerne teilen wir unsere gemachte Hochlanderfahrung auf einer Privattour. Die F232 eignet sich nicht für einen Bus, aber wir bieten sie im guten Jeep als Privattour mit erfahrenem Fahrer auf Anfrage im Laufe im Spätsommer der kommenden Jahre gerne an.

Zeitgleich mit der Fertigstellung dieses Berichts erschien am heutigen Tag ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung über „Heidas Traum, das Buch von Steinunn Sigurdardottir. Es wäre schön, wenn Steinunn auch Lesungen in der Schweiz halten würde.

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