Unvergessliche Vulkanerlebnisse

Grosse Feuershow im Krater. 29.03.2021

Bereits mehrmals habe ich zu diesem Bericht angesetzt und jedes Mal änderte die Situation wieder. Wer weiss, was anders ist, wenn ich hier den Schlusspunkt setze? Sicher ist, meine Erlebnisse mit diesem Vulkanausbruch sind unglaublich eindrücklich und werden unvergessen bleiben!

Wie schon früher beschrieben, herrschten zu Beginn ziemlich chaotische Zustände mit dem grossen Besucheransturm an der Ausbruchsstelle. So war es genau richtig, das Wochenende verstreichen zu lassen und am Montag, den 29. März einen Anlauf zu wagen, zehn Tage nach Ausbruchsbeginn. In der kurzen Zeit wurden Wege markiert und einige Parkflächen geschaffen, um die Strasse nach und in Grindavik zu entlasten. Bei Ankunft um 16 Uhr hatte es noch genügend Parkplätze, bereits zwei Kontrollposten wurden bis dorthin passiert. Nun galt es ein Formular mit Angaben von Namen und Telefon zur eigenen Sicherheit auszufüllen und hinter die Windschutzscheibe zu legen. Die Ausrüstung war vorher sorgfältig bereitgestellt, geprüft und nochmals überdacht worden, nur ein Schreibstift fehlte völlig! Zum Glück konnte ein Rückkehrer aushelfen. Es herrschten frostige Temperaturen und ein steifer Wind aus Norden wehte direkt entgegen, welcher im Laufe des Abends glücklicherweise nachliess. Der Weg war nicht schwierig zu finden, die Markierungen waren kaum notwendig, es genügte dem Menschenstrom zu folgen. Dieser war zum Glück nicht dicht und man konnte im eigenen Tempo wandern. Der Boden war mehrheitlich noch gefroren und im unteren Bereich gut begehbar und führte etwas hügelig in Richtung der aufsteigenden Rauchsäule. Erst ungefähr im letzten Drittel ging es dann bergaufwärts, einen Teil davon war sogar sehr steil! Vor allem für den Abstieg hatten die Rettungsmannschaften Björgunarsveit in diesem Bereich ein Halteseil befestigt. Viele Leute waren auch tatsächlich gut ausgerüstet, die Leichtbekleideten in Turnschuhen dürften im oberen Bereich etwas gelitten und auch gefroren haben. Kurz nach dem Steilanstieg wurde das Gelände dann auch rutschig und Spikes waren hilfreich, eine bessere Version davon hätte das Gehen noch mehr erleichtert.

Aber nun war der Krater in einiger Distanz in Sicht und zog die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Der grosse Wow-Effekt blieb jedoch noch aus. Zwar war der Krater grösser, als die Bilder der Livecam von RUV vermuten liessen, aber nur wenige Lavafetzen flogen höher als die Krater-Rückwand. Hier hatte ich den Blick ins grosse Brodeln erwartet oder war die Aktivität etwa schon zurückgegangen, kam ich zu spät? Bald war klar, dass bereits viel Lava den Krater umgeben hatte und man nicht mehr so nahe rankonnte, wie zu Beginn der Eruption. Es war bestimmt weise die Richtung zu wählen, welcher die meisten Leute einschlugen. Den Krater zu umrunden war nicht ganz einfach, das Gelände abhältig und immer wieder rutschig. Wollte man Fotos machen, galt es etwas vom Weg hinunterzutreten, damit andere trotzdem weitergehen konnten.

Mit jedem Schritt wurde das Erlebnis grossartiger, in der neuen Lava glühte es hier und dort, teilweise kochten ganze Teiche oder spritzen Geysire aus Lava in die Höhe. Und dann war auch die wirklich brodelnde Seite des Kraters zu sehen! Wo zuerst ein grösserer und ein kleinerer Krater waren, zeigte sich dieser nun ohne Wand an der Vorderseite und mit einer knappen Trennung zwischen den kochenden Glutfontänen. Was für ein unbeschreiblicher Anblick in der untergehenden Abendsonne! Kein Wunder nahmen so viele den nicht ganz einfachen Weg unter die Füsse, es war unbeschreiblich und lohnte alle Mühen. Am mit Gras bewachsenen Abhang gab es auch genügend Platz, um einen Sitzplatz zu finden. So richtete ich mich ungefähr fünf Meter von der Lava ein und hatte dort niemanden direkt vor der Kamera. Wie wunderschön präsentierte sich die Stimmung in der blauen Stunde mit der glühenden Lava und den noch etwas weissen Berghängen rundum! Wunderbar wärmte die Lava, picknicken in dieser Atmosphäre war grossartig. Ruhesuchende waren vielleicht etwas weniger glücklich. Rundum war heiteres Geschwätz, Lachen, viele Ah und Oh zu hören, dazu kamen noch die Motoren von Helikoptern, Kleinflugzeugen und das Surren von Drohnen. Irgendwie passte das alles und man wähnte sich eher an einem Festival, einem Vulkanvolksfest.

Mit anbrechender Nacht wurde es dunkel, die Szenerie war einfach unbeschreiblich mit dem speienden Krater und der, an der Oberfläche glühenden Lava, welche teilweise floss oder sich plötzlich irgendwo glühend ergoss. Atemberaubend – hoffentlich gelingen die Fotos.

Um 22 Uhr wurde es doch langsam an der Zeit aufzubrechen und den Rückweg anzutreten, im Bewusstsein, dass es nicht ganz einfach werden würde. Stirnlampenströme bewegten sich bereits, die einen gingen, andere kamen erst. Einfach nur eindrücklich! Mit meinen vom Volleyball geschädigten Fussgelenken und Knien galt es aufzupassen, ab und zu liess ich die von hinten kommenden Personen passieren und konnte das Fotografieren zwischendurch nicht sein lassen. Aber waren da am Himmel nicht sogar schwache Nordlichter? Nein, ich schaffe es nicht, Objektiv zu wechseln und vor allem wäre ein Bild im Schein der vielen entgegenkommenden Stirn- und Taschenlampen kaum möglich gewesen.

Glühender Krater und ein Strom von Stirnlampen. 29.03.2021

Der Abstieg war happig, müde schaffte ich es und fand in einem Zusatzbogen auch zurück zum Auto. Der muskuläre Kater war schon gesichert, aber das Erlebnis um vieles wertvoller! Erschöpft, aber unendlich dankbar sank ich um 2 Uhr nachts ins Bett, dennoch war es nicht ganz einfach einzuschlafen!

Der nächste Tag präsentierte sich sonnig, ein Heliflug mit Matthias von Volcano Heli wartete auf mich. Im späteren Nachmittag hob der Heli am Inlandflughafen von Reykjavik ab, flog dem Staatspräsidenten in Bessastadir übers Dach und nahm Kurs auf Keilir und die Ausbruchsstelle. Es war toll, nun alles noch aus der Luft zu sehen. Aber nicht nur die Eruption begeisterte, sondern auch die Strukturen, der noch leicht verschneiten, alten Lavaströme der Halbinsel Reykjanes.

Bereits schreiben wir den 7. April. Vor zwei Tagen öffnete sich mitten am Tag eine neue Spalte etwas nordöstlich vom Geldingadalir. Aus einem rasant wachsenden Krater ergiesst sich nun ein schnell fliessender Lavastrom ins Meradalir hinunter. Nochmals konnte ich mir am 6. April einen Platz im Heli von Matthias sichern und die neusten Landschaftsveränderungen von oben entdecken.

Für Besucher war das Gelände gesperrt worden und eine Landung verboten. Nicht vergebens, wie sich am nächsten Morgen zeigte, denn während der Nacht öffnete sich nochmals eine Spalte, diese liegt zwischen den Kratern. Wie die Wissenschaftler schreiben, liegen alle Eruptionen auf einer Linie, welche nach Nordosten Richtung Vulkan Keilir zeigt. Heute wurde das Gebiet für Besucher wieder geöffnet. Niemandem ist zu verübeln, der sich das grossartig Ereignis nicht entgehen lassen möchte, Vernunft bei Ausrüstung und eigenen Kräften ist aber wichtig! Die Behörden raten den Besuchern wachsam zu sein und jederzeit bereit, wenn nötig das Gelände zu verlassen. Es ist die wohl die isländische Art mit Vulkanismus umzugehen. Ich bin unendlich dankbar, das alles erlebt haben zu dürfen und setze nun den Schlusspunkt. Gemäss Nachrichten gibt es gerade keine neuen Ausbrüche, aber wer weiss, was die nächsten Stunden, Tage, Jahre bringen? Die Zeit wurde wiederum genutzt, einen neuen Weg zu markieren, bei welchem die beiden steilen Anstiege wohl vermieden werden können. Ein grosses Dankeschön gilt den Rettungsmannschaften für die hilfreiche Infrastruktur!

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