Rechtsverkehr in Island seit Mai 1968

Strasse mit Nebelbogen auf Reykjanes. 29.05.2022

Am 26. Mai 1968 stellte Island von Links- auf Rechtsverkehr um, vorher wurde auf der linken Seite gefahren. Das Datum des Wechsels ging als „H-dagurinn“ oder „Haegri dagurinn“, übersetzt „Der Rechte Tag“ in Islands Geschichte ein und man kennt dieses heute noch.

Ein Facebook-Post von Iceland Review machte mich darauf aufmerksam, dass in Island nicht immer auf der rechten Strassenseite gefahren wurde. Die Frage, ob in Island Links- oder Rechtsverkehr herrsche, wurde mir als Reiseberaterin ab und zu gestellt und für mich gab es nur rechts als Antwort. Etwas ungläubig betrachtete ich also die Zeilen in Social Media und fragte Eggert, meinen Experten in solche Sachen. Er erzählte mir, dass er sich noch an die Zeit mit Linksverkehr erinnern könne und weitere, teilweise auch amüsante Fakten lieferte mir Wikipedia zum Thema in Englisch.

Obwohl Island lange Zeit von Dänemark regiert wurde, wo ab 1793 Rechtsverkehr galt, wurde in Island auf der linken Seite gefahren, sofern überhaupt Fahrzeuge und Strassen mit genügend Breite vorhanden waren. Das war nicht ganz einfach, da importierte Fahrzeuge* mehrheitlich für die rechte Strassenseite konfiguriert waren. Deshalb plante man schon 1940 einen Wechsel auf Rechtsverkehr, aber das wurde unter der Britischen Besatzung im 2. Weltkrieg nicht umgesetzt. In dieser Zeit gab es auch deutlich mehr militärischen als zivilen Verkehr. Unter den auf die Briten folgenden Amerikaner wurde alles wieder anders. Auch kamen mehr und mehr Besucher aus den USA und Europa nach Island und sie waren Rechtsverkehr gewöhnt. Aber es dauerte bis 1964, als das Parlament (Althingi) die Regierung aufforderte, einen Wechsel auf Rechtsverkehr zu planen. 1965 wurde die gesetzliche Grundlage geschaffen, den Seitenwechsel 1968 vorzunehmen. 1967 wurde man von den Schweden ermutigt, welche denselben Wechsel am „Dagen H“ erfolgreich meisterten. Am 26. Mai 1968 morgens um sechs Uhr war es soweit, in Island wurde auf der rechten Strassenseite gefahren. Die Verkehrskommission hatte vor dem Wechsel viel zu erledigen, so mussten in der Nacht vor dem Wechsel 1662 Strassenschilder ausgewechselt, insgesamt galt es 5727 Verkehrszeichen zu ändern. Die Kosten für die Anpassung der Infrastruktur beliefen sich auf 12 Millionen Kronen, die Änderung an Bussen kosteten 33 Millionen.

Interessanterweise gab es zur Zeit des Wechsels eine niedrigere Unfallrate als üblich, vermutlich weil sich die Fahrzeuglenker wegen der ungewohnten Situation besser konzentrierten, erst später erreichte die Zahl der Unfälle wieder das alte Niveau. Der einzige registrierte Unfall am Wechseltag betraf einen Knaben auf einem Fahrrad, welcher sich das Bein gebrochen hatte.

Nun wage ich hier die Frage zu stellen, wieviel Verkehr der Seitenwechsel 1968 wirklich betroffen hatte. Viele Strassen oder eher Pisten dürften noch schmal gewesen sein und es kam darauf an, wer wo ausweichen konnte und nicht so sehr auf die rechtlich gültige Seite. Die Ringstrasse rund um Island gibt es erst seit 1974, ganz durch asphaltiert ist sie noch nicht sehr lange. Auch heutzutage ist es bei schwierigen, zum Beispiel eisigen Strassenverhältnissen wenn möglich ratsam, die Strassenmitte oder bei heftigem Wind auch mal die falsche Strassenseite zur Sicherheit zu nutzen. In solchen Situation ist aber klar, dass wirklich langsam gefahren werden muss und so hat man auch Zeit auszuweichen. 

Die abenteuerliche Küstenstrasse nach Siglufjördur aus dem Bus fotografiert. 22.02.2022

*Anmerkung zum Fahrzeug-Import in früheren Zeiten: Autos, wie zum Beispiel der Lada aus Russland, wurden oft in Holzkisten geliefert. Nicht nur das Fahrzeug war begehrt, sondern auch das Verpackungsholz. Es diente in den früheren Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts nicht selten als Baumaterial für Häuser, welches man mit Wellblech verkleidete, um es vor dem Wetter und Klima zu schützen. Man achte sich in Island, wenn ein älteres Wellblechhaus renoviert wird, was für einfaches Holz, wir würden Sperrholz sagen, zum Vorschein kommt.

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