Fischleder aus Saudarkrokur

Die Farbauswahl an Fischleder ist im Shop gross. 16.09.2013

Die Fabrik ist unscheinbar und nicht ganz einfach zu finden in einem Quartier etwas ausserhalb des Ortskerns von Saudarkrokur im Skagafjördur. Von aussen kann man sich kaum vorstellen, dass hier berühmte Modemarken wie Prada, Dior und Gucci Material für ihre Modelle bestellen oder Nike und Ecco solches zur Schuhherstellung benutzen. Und sie reissen sich alle um ein eigentliches Abfallprodukt, welches normalerweise im Mülleimer landet. Modeschöpfer und Schuhproduzenten und viele weitere kaufen in Saudarkrokur Fischleder, gegerbte Fischhaut.

Fischleder wird weltweit nur in wenigen Fabriken hergestellt. Island ist besonders geeignet für eine solche Prokuktionsstätte, da hier ganzjährig gefischt wird. Ein Beispiel ist der Seewolf, welcher von Fischern aus Dalvik gefangen wird. Von diesem Fisch wird wirklich fast alles verwendet. Die Fischfabrik im benachbarten Eyjafjördur exportiert die Fischfilets ins Ausland, die Köpfe werden zu Tierfutter verarbeitet und die graue Haut mit schwarzen Punkten liefert man gefroren zur Gerberei nach Saudarkrokur. Grösstenteils wird Fisch ohne Haut exportiert und das Rohmaterial für die Fischlederfabrik gibt es in Hülle und Fülle. Der grosse Unterschied zu verpöntem Reptilienleder liegt darin, dass kein Tier nur der Haut wegen getötet wird.

1995 kaufte Gunnstein Björnsson die leerstehende Fabrik in Saudarkrokur. 2003 wurde noch ganz wenig Fischleder produziert, es waren nicht mehr als 1,5 Quadratmeter, 2011 waren es aber bereits zehntausend und die Tendenz ist steigend. Pro Jahr werden mittlerweile 300 000 Fischhäute verarbeitet, welche sonst einfach entsorgt würden. Daneben werden aus Lamm-, Schaf-, Kuh- und Pferdefelle verarbeitet. Die Gerberei bringt lokale Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten und das auch für junge Leute, welche andernfalls wohl abwandern würden. Die Produktion wird Mitte August für einen Moment eingestellt, weil in den Hallen der Fabrik ein dreitägiges Musikfestival statt findet.

Gunnstein startete 1994 mit den Versuchen Fischleder herzustellen. Dabei erinnerte er sich eines alten Handwerks aus den Jahrhunderten, in denen viele in Island nur Fischlederschuhe trugen. In den Westfjorden wurde die Fischhaut mit mit den natürlichen Materialien Baumrinde, Fischöl und Urin gegerbt, aber die Haltbarkeit der Schuhe war sehr begrenzt. in Saudarkrokur wurde dieses Handwerk in vielen Versuchen mit neuen Technologien und Chemikalien kombiniert. Heute dauert der ganze Herstellungsprozess ungefähr drei Wochen, wobei einiges an Handarbeit anfällt. Zuerst wird die Fischhaut von Fischresten gereinigt. Die Fischhäute werden für eine Woche in rotierenden Holz- und Metalltrommeln mit Chemikalien wie Chrom behandelt, wodurch die Proteinstruktur der Häute verändert und zu Leder wird. Danach werden die Häute aufgespannt und getrocknet, später gefärbt oder lackiert. Bei der Verarbeitung wird auf die Ökologie geachtet. Man benutzt das geothermische, warme Wasser aus dem Boden und das verwendete Chrom wird wieder aus dem Abwasser gefiltert. Das Fischleder ist dank der Kreuzfaserstruktur erstaunlich stabil. Am besten ist Lachsleder, welches mit einer Dicke von 0,6 Millimeter 90 Newton aushalten kann und damit sieben Mal stärker ist als Schafsleder. Dank der  Weiterentwicklung wurde Fischleder ab dem Jahr 2012 sogar waschbar und wasserdicht. Die Hitzetoleranz liegt bei hundert Grad Celsius.

Die Haut jedes Fisches ist verschieden, was der Besucher im Shop der täglich geöffnet ist, leicht erkennen kann. Der Seewolf sieht aus wie ein Leopard, Barsch und Dorsch haben eine strukturreiche Schuppenoptik, das Lachsleder ähnelt einer Schlangenhaut. Ganz grobe Schuppen charakterisieret das Leder des Tilia, einem Fisch aus Afrika, dessen Haut bis nach Saudarkrokur findet. Die Farbauswahl ist riesig. Fischleder lässt sich bestens verarbeiten. Es kann problemlos genäht, aber auch einfach zusammengeleimt werden. Im Laden der Fabrik lassen sich einzelne Fischlederteile kaufen, die etwas fehlerhaften sind günstiger zu kriegen. Es gibt aber auch kunstvolle Handarbeitsprodukte wie Handtaschen, Geldbeutel, Etuis, Schmuck und mehr. Ausserdem gibt es Schaf- und Lammfelle, sowie Kuh- und Pferdeleder im Laden.

Die Gestastofa Sutarans (the tannery visitor center) kann besucht werden und hat im Shop integriert eine kleine Ausstellung zur Herstellung und Geschichte. Für Besucher finden Führungen statt, bei welchen neben den Fabrikhallen auch die Schatzkammer der Fabrik in der oberen Etage gezeigt wird, das sogenannte Atelier. Hier liegen unendlich viele Farbmuster, schön sortiert in Setzkästen welche an die Modemessen mitgenommen werden. Hier liegen aber auch gegerbte Teile verschiedenster Tiere, die Fantasie kennt fast keine Grenzen. Für Führungen durch die Fabrik und Öffnungszeiten des Verkaufsshops orientiert man sich auf der Webseite oder ruft sicherheitshalber vorher an, damit man nicht vor verschlossener Tür steht. Kontakt:  Gestastofa Sutarans, Borgarmyri 5, 550 Saudarkrokur, +354 512 8025, www.atlantsleather.is

Als was die Fischhaut des in Island gegessenen Fischs wohl um die Welt gehen wird? Vielleicht wird sie sogar als Leder in der Schweiz verarbeitet. Ein weiterer Bericht auf dieser Webseite wird die ersten Fischlederetuis von Springbag vorstellen.

 

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